Baubericht

Jörg Mayr Baubericht Denken+Glauben, n° 13 nov.1984

85/05.03 Denken+Glauben -DE

Das Afro-Asiatische Institut, 1964 erbaut, ist ein relativ neues Gebäude, man könnte meinen zu jung noch für Umbau, Erweiterung und Überholung. Mit seinen 30 Einbettzimmern, dem Studiersaal, den beiden Seminarräumen, Büros und verschiedenen Nebenräumen war es gut geordnet, auf praktische Nutzung ausgerichtet, und doch fehlten vor allem Einrichtungen, die dem Gemeinschaftsleben in einem Studentenhaus dienen. Diese und einige andere Mängel, die bei der ursprünglichen Planung wohl aus der Notwendigkeit, Kosten zu sparen, entstanden sind, wollte die Leitung des Hauses aufgrund von Erfahrungen längst schon beheben. Der Umbauabsicht kam entgegen, daß der Bestand mit seiner Skelettkonstruk¬tion Veränderungen und Ergänzungen zuläßt. Auf der Forderungsliste der Bauherr¬schaft reihten sich folgende Wünsche: Die Teeküchen in den drei oberen Geschoßen sind zu klein - es ist ein Speisesaal mit Gemeinschaftsküchen zu planen und in den freiwerdenden Räu¬men sind Duschen einzurichten. Der weit nach hinten in den Garten gerückte Eingang ist in Verbindung mit einer geräumigen Halle an dem gemein¬samen Platz zwischen Studentenhaus Leechgasse 24 und dem A fro-Asiati¬schen Institut anzuordnen. Die Halle diene dem Empfang, zeitweise auch kleinen Veranstaltungen und der alltäg¬lichen Cafegeselligkeit. Der islamische Gebetsraum ist gro߬zügiger zu gestalten und durch einen Vorraum zu ergänzen. Die ungenügend gedämmten Außen¬wände (25 cm dicker Schlackenbeton) und Dächer verursachen laufend gewal¬tig hohe Heizkosten - es ist eine den Empfehlungen der Landesregierung ent¬sprechende Dämmung zu planen. Insgesamt eine interessante Aufgabe für alle an der Planung Beteiligten: Der Bauherr formuliert seine Vorstellungen, wobei er abschätzend gleich auch in seine Tasche fühlt, der Architekt greift ordnend in den Raum, der Statiker kontrolliert, ob und wie diese Eingriffe dem bestehenden Bauwerk zuzumuten sind, der Physiker berechnet die schüt¬zende Hülle, und zuletzt läßt der Licht-und Farbexperte das neue alte Haus erstrahlen. An dieser Stelle sei kurz auf die beiden architektonischen Schwerpunkte des Umbaues, die Eingangshalle und den Speisesaal, hingewiesen. Sie sind aus ihrer Wesentlichkeit heraus geformt, fügen sich demnach nicht still und heimlich in den Bestand, vielmehr sind sie als Akzente in der vorgefundenen, schlichten Architektur gestaltet.

Der Speisesaal:
Er ist als leichte Holz-Stahl-Kon¬struktion auf das Dach des Studiersaales gestellt und über einige Differenzstufen an das bestehende Stiegenhaus ange¬schlossen. In ihm fühlt man sich wie in einem Baumhaus. Die Außenwände sind großflächig verglast und sein zweige-schoßiger Sockel hebt ihn mitten in die Kronen der umliegenden, alten Bäume. Er ist den 30 Studenten aus aller Welt Speisezimmer und Wohnraum zugleich. Mit dem Saal verbunden sind zwei komplett eingerichtete Küchen. Dort hält man sich, in den verschiedenen nationalen Stilen kochend, das Heim¬weh vom Leib.

Die Halle:
Sie ist das Forum des Hauses. Ein kreiszylindrischer Raum mit einem Durchmesser von 11 Metern ragt 3 Meter vor die Gebäudefront in den Hof. Vor ihm weicht das kubische Raumsy¬stem des Bestandes zurück, wobei als Reste der alten Struktur noch sieben Stützen in der neuen Halle stehen bleiben. Erleichtert betritt man jetzt nach der Zeit der Enge den offenen Kreis, in dessen Mitte unserer irdischen, kugelrunden Heimat mit einem Globus im Maßstab 1:32,000.000 ein kleines Denkmal errichtet wurde.

Planung und Baudurchführung:
Im Herbst 1982 fanden die ersten Planungsgespräche statt. Entwürfe, Ko¬stenschätzungen und Bauzeitpläne wa¬ren bis Ende März 1983 so weit entwickelt, daß am 29. April 1983 das Ansuchen um Baubewilligung einge¬reicht werden konnte. Nach einem raschen Weg des Gesuches durch die Ämter und die Altstadtkommission wurde mit Bescheid vom 1. Juli 1983 der Bau bewilligt. Inzwischen war der Baubeginn durch die Ausführungspla¬nung und die Ausschreibung der ersten Arbeiten vorbereitet. In den Hochschul¬ferien, den Monaten Juli, August, September, wurde in einer ersten Etappe der Speisesaal mit den beiden Küchen errichtet und die Duschräume im 2. und 3. Stock installiert. Noch bevor der Saal ganz fertig war, wurde er „Arche Schnuderl" genannt - tatsächlich hat Dr. Schnuderl den Bau dieser Aufstok-kung, die vielleicht an das lebensretten¬de Hausboot Noahs erinnern mag, mit der Wachsamkeit eines Kapitäns beglei¬tet. Detailplanung, Ausschreibungen und die Suche nach günstigen Anboten bereiteten im Frühjahr 1984 die Ver¬wirklichung des 2. Bauabschnittes vor. Die Eingangshalle mit dem Büffet, die neuen Büros und Seminarräume, der islamische Gebetsraum, die Wärme¬dämmung und die noch fehlenden Sanitärräume mußten zu Beginn des Wintersemesters 1984 fertig sein. Außer¬dem mußte mit erheblichem Aufwand das Dach des Zimmertraktes vollkom¬men erneuert werden, da das Holz der alten Dachkonstruktion durchwegs vom Schwamm befallen war. Vorerst sind nun Umbau, Erweite¬rung und Reparatur des Afro-Asiati-schen Institutes abgeschlossen. Nach und nach wird noch einiges an der Möblierung zu richten und zu ergänzen sein. „Gäste zu haben ist ein besonderes Glück" steht in großen weißen Buchsta¬ben auf einem georgischen Berg ge¬schrieben. Dem Gastgeber zu helfen, sein Gästehaus zu bauen oder zu erneuern, bedeutet Anteil haben an diesem Glück.

JÖRG MAYR, geb. 1938 in Klagenfurt, studierte Architektur an der TU Graz. Freier Architekt. Gemeinsames Architekturbüro mit Dipl.-Ing. Ingrid Mayr. Wich¬tige Arbeiten: Josef-Krainer-Haus Graz, Gestaltung mehrerer Aus¬stellungen, architektonische Ge¬staltung der Festgottesdienstplät¬ze des Steirischen Katholikentags '81 und des Österr. Katholiken¬tags 83.

Planung und Bauleitung:
Arch. Dipl.-Ing. Jörg Mayr
Arch. Dipl.-Ing. Ingrid Mayr
in Zusammenarbeit mit
Dipl.-Ing. Isolde Stecker

Statik:
Dipl.-Ing. Walter Wörle
Projekt Licht und Farbe: Jorrit Tornquist

Projekt Wärme- und Schallschutz:
Dipl.-Ing. Dr. Werner Pfeiler
Dipl.-Ing. Dr. Gerhard Tomberger