Licht und Farbe

Jorrit Tornquist Licht und Farbe Denken+Glauben, n° 13 nov. 1984

85/05.01 Denken+Glauben -DE

Die Farben der Fassaden sind die des Himmels und des Grüns, in die das Gebäude eingebettet ist. Schwindet des Winters das umgebende Grün, so kommt das Hellgraublau des Gebäudes zum Tragen. Die Fassade des Haupttraktes wurde nicht, wie zuvor, farbig zerstückelt, um den neuen Eingang, den vorragenden Sonnenkreis, mit Ruhe zu umgeben und ihn so zur vollen Wirkung zu bringen. Es wurde eine leichte Farbe, dieses helle Graublau, für die Ost-, West- und Südseite gewählt, um dem Bau Helle, Leichte und ihm seine Schlichtheit wiederzugeben. Die Nordseite hingegen ist in mittle¬rem, stumpfem Baumlaubschattengrün gehalten, um sich in die Busch-Baum¬umgebung einzugliedern, aber auch um der Ost- wie der Westfassade Helle, Beleuchtung als Trompe-l'œil zu vermit¬teln. Der natürliche Helligkeitskontrast Nord zu Ost und West ist, um dies zu erzielen, künstlich überhöht. Die Fensterelemente, Balkone sowie das rundumlaufende Blechabdeckungs¬gesimse sind in einer Farbe, die zwischen der der Nordfassade und der der Ost-wie Westfassade liegt, gehalten. Diese Farbe vermittelt durch den Simultan¬kontrast, das heißt durch sich in seiner Erscheinung entgegenwirkende Beein¬flussung von Farbe, und sie erscheint als die jeweils andere Farbe als die, die ihr Umfeld ist. Die Holzelemente des Einganges sind in Sonnengelb gehalten, das im Innen seine Entsprechung hat; die Eisen- wie Stahlkonstruktion in Eisenglimmer, der Boden des Eingangsbereiches hat die Farbe des Schotters. Beim Nebentrakt sind die Pilaster blau, um sich mit dem Haupttrakt, der Umgebung und dem Geländer der Speisesaalterrasse zu verbinden. Die himmelblaugrauen Betonstützen laufen farblich in die Stahlsäulen des Speisesaa¬les über, die grünen Zwischenfelder der Fassade scheinen das Grün der Umge¬bung zu reflektieren. Das aufgesetzte Geländer schließt als Ornament den darunter liegenden Bau ab. Die Südfassade des Nebentraktes hat das Blau der Pilaster - auf ihr steht der rosagetönte Speisesaal, dahinter als Kulisse das Hellblau der Hauptfassade, das sich mit dem Himmel vereint. Eintretend, tritt man in den Licht¬kreis. Das Feuer, das Licht, dessen Anwen¬dung den Menschen Macht über ihr bis dato unvermeidliches Eingebettetsein in den natürlichen Tag-Nacht-Ablauf gab, brachte das Bewußtsein von Zeit mit sich, sich als eine in die Schöpfung eingreifende Identität zu erleben, diese Abtrennung von der Ganzheit führte zu Gefühlen von Schuld, die im Rückan¬bieten des den Göttern geraubten Feuers zu sühnen versucht wird. Der Lichtkreis - einst um das Feuer mit dem Templum in den Sand gezeichnet, um die bösen Geister aus der ums Feuer vereinten Gemeinschaft auszuschließen. Die Vollendung des Kreises, aus Sonnengelb und Licht gezeichnet, wird von außen einwirkenden Kräften ins Asymmetrische verlegt, die Verneinung verschränkt sich mit der Leere, die faßbare Schwere der Erde mit der unfaßbaren Leichte des Himmels - ein Versuch, einem Erlebnis Gestalt zu geben, welches mich immer aufs neue in Siena erfaßt, wenn ich an der Piazza del Campo liegend die hereinbrechende Dämmerung erlebe, wenn Licht mit Finsternis im Wettstreit liegt, die Hellig¬keit der den Campo umgebenden ge¬zahnten Fassaden, die zur Helligkeit des Himmels wird und somit die unheimli¬che Endlosigkeit des Äthers endlich und heimlich im Verschränken von Himmel und Erde diese in ein Maß bringt, welches die kosmischen Kräfte erleben läßt. Aber erst das mit roten Lichtfanfaren vorgetragene Rot - Blut, Leben, Kampf, Liebe vermittelnd - erregt die Sinne, wie das dem Rot entgegengesetz¬te Blau, der Farbe des Geistes. Beide schließen mit dem Gelb des Sonnenkrei¬ses die 1. Triade, die Goethe den mächtigen, lebensvollen Dreiklang nennt. Dieser Anblick des Sinnenfestes, eingespannt in die ewig letzten Werte von Licht und Finsternis.